Das war er also. Der Moment, auf den wir so lange gewartet haben.
Thomas Gottschalk im Ersten. Live. Aus dem anscheinend tatsächlich von ihm selbst eingerichteten “Wohnzimmer”.
Die Begrüßung sitzend, hinter einem großen, silbernen Schreibtisch. Darauf ein paar aktuelle Zeitungen und Zeitschriften, dahinter ein Regal mit Büchern und ein Fenster mit Blick aufs nächtliche Berlin. Auf dem Fenstersims ein Bravo-Otto, ein kleines Mikrofon und ein paar andere Dinge, die er vermutlich von Zuhause mitgebracht hat, weil er dort keinen wirklichen Platz mehr für sie hat.
“Endlich ist es soweit…” seine ersten Worte. Bei uns in der Redaktion stehen die schon längst auf dem Index, aber einem Thomas Gottschalk verzeiht man die natürlich. Die ersten gefühlten 10 Minuten im Dauerstaccato klangen dann ein wenig auswendig gelernt, jedenfalls sehr konzentriert.
Er will uns künftig mit “EU-Rettungsschirm”, “Wulff” und Co. verschonen, sagt er und greift zu einem People-Magazin, das über einen angeblichen Cousin Gottschalks berichtet, der verarmt in Polen lebt. Das kann Thomas Gottschalk natürlich so nicht stehen lassen und stellt auf ganz lustige Weise klar, dass dieser “Jan” nicht sein Cousin sein kann, er ihn aber auch nicht verklagen möchte – aber vielleicht ja dann doch das herausgebende Blatt.
Dann steht er auf, zeigt die (beiden großen) Zimmer, aus denen er uns jetzt viermal wöchentlich zwischen 19.20 Uhr und der Börse vor der tagesschau unterhalten möchte. Interaktiv soll das Ganze werden. Deshalb sitzt im zweiten Raum seine Multimedia-Redaktion. Junge Menschen, die tippend vor ihren Computern mit Bildschirmen sitzen, auf denen der Hersteller abgeklebt ist, aber im Verlauf der Sendung auch immer mal wieder klatschen und jubeln. Vermutlich weil das cool ist – und es kein Studio-Publikum gibt. Gleich am ersten Schreibtisch sitzt seine neue “Social-Media-Expertin” Caro, blond, hübsch lächelnd aber scheinbar sehr darauf bedacht, nicht in die Kamera zu schauen, weil man ihr vorher vielleicht gesagt hat, dass man das so nicht macht. Geschadet hätte es aber nicht, im Gegenteil.
“Gottschalk live” soll interaktiv werden. So erzählt er im Kreise seiner Redaktion, die ihn in den letzten Worten mit Begriffen wie Hashtags oder Facebook gefüttert hat, aber “Facebook” dürfe man ja im Ersten gar nicht sagen. “Es gibt da ja noch andere Dienste”, so sagt er und macht hoffentlich einen Witz, denn eine interaktive Sendung, ohne Facebook zu benennen wäre dann doch ein wenig paradox.
“Gottschalk live” will jeden Abend anders sein. Mal mit Live-Schalten, Einspielfilmchen und Studiogästen. Diesmal war es “Wetten, dass..?”-Dauergast Bully Herbig, der natürlich seinen neuen Film promotet – Nicolas Cage wollte Gottschalk ursprünglich einladen, aber der hätte ja eh “nur seinen neuen Film promotet”. Aha.
Dann eine Herbig und Gottschalk-Plauderei, die man so schon so oft gehört hat. Nichts Neues. Nicht wirklich lustig. Und dann auch noch unterbrochen von zweieinhalb Werbeblöcken, die für Gottschalk offensichtlich zu spontan kommen, da er ein wenig überrascht darüber scheint. Nach dem letzten, etwas sehr langen Werbeblock und einer optimierungswürdigen Wetterintegration kann er sich auch irgendwie nur noch kurz verabschieden und das war es dann auch schon wieder.
Am Ende kündigt er ein Eisbärbaby an (der alte Tiertrick) kniet sich auf den Boden und fleht (!) in die Kamera “Ich brauche jeden Zuschauer!”, was eher peinlich als lustig kommt.
Was war sonst noch?
Eine “ARD-Krawatte, die offensichtlich auch schon Jauch und Co. tragen “mussten”, Gottschalk aber jetzt an seine Zuschauer verlost. Wer am lustigsten beschreibt, warum gerade er sie unbedingt haben muss, bekommt sie. Zuschauereinbindung also.
youtube-Einspieler, die man längst kennt, wie Heidi Klum bei Gottschalks damaliger RTL-Talkshow, “und ich hab sie entdeckt!”.
Außerdem eine Blondine, die zweimal durchs Bild läuft (hinter einer Glasscheibe) und die Frage aufwirft, ob sie das auf Kommando getan hat.
Ach ja. Interaktiv diesmal eigentlich nur die Frage eines Zuschauers per Facebook an Bully, die von der Redaktion auf den Flatscreen ins “Wohnzimmer” gebeamt wurde. Anscheinend gab es während der Sendung schon “1.600 Klicks”, was auch immer Thomas Gottschalk damit gemeint hat.
Für eine als interaktiv angekündigte Sendung war das heute Abend viel zu wenig. Natürlich nicht nur diese Klicks, sondern die Einbindung der Zuschauer.
Ansonsten war das Ganze für mich eher eine gute Radiosendung, ein wenig zu Ego-mäßig vielleicht. Fürs Fernsehen aber auf jeden Fall zu wenig. Klar, so etwas muss sich erst entwickeln. Sagt man so, aber stimmt ja auch. Thomas Gottschalk sehe ich wirklich sehr gerne, schon immer. Weil er spontan und daher lustig ist. Er kann halt am besten, wenn er improvisiert.
Vielleicht sollte er sich also gar nicht wirklich so gut vorbereiten, denn er darf ruhig ein wenig “chaotisch” und dadurch funny sein, so wie diesmal, als er nicht wusste, wann “Der Schuh des Manitu” ins Kino kam. “Das war doch 1981.” Natürlich war es 2001.
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